Pflegestelle Frankenthal
Dienstag musste ich meine heißgeliebte „Power-Ann“ einschläfern lassen.
Letztes Jahr Ende Dezember habe ich sie aufgenommen, ihre Vorbesitzerin hatte bei uns vorsichtig angefragt, ob wir ihr Meerschweinmädel aufnehmen würden, denn das Partnerschwein ist kurz zuvor verstorben und zeitlich war es ihr nicht mehr möglich Meerschweinchen zu halten. Allerdings hätte Ann Zysten und ein tränendes Auge.
Da ich etwas Platz hatte und wohl eine Schwäche für kranke Meerschweinchen habe, meldete ich mich als Pflegeplatz.
Ich stellte sie meiner Tierärztin vor und sie wurde Anfang Januar kastriert, da sie zwei sehr große Ovarialzysten hatte und das tränende Auge war wohl das Resultat von Schmerzen. Ann erholte sich wieder recht schnell von der OP und alles verheilte gut. Kurze Zeit später, Ende Februar, verdickte sich der linke Lymphknoten in der Leiste so, dass auch dieser heraus musste. Die OP verlief wieder gut, nur dieses Mal verheilte die Wunde nicht so gut, die Fäden gingen auf und es hat lange gedauert, bis sich die Wunde dann letztendlich doch schloss und verheilte. Leider hatte Ann in der Zeit schon ein relativ geringes Gewicht und es war schwierig, das Gewicht wieder zu erhöhen. Dann kam auch noch Durchfall dazu, mal mehr, mal weniger und sie nahm noch mal ab. Ich habe mit verschiedenen Mitteln versucht, ihre Darmflora wieder herzustellen und den Durchfall zu bekämpfen, nichts davon brachte den entscheidenden Durchbruch. Immerhin konnte sie mit Extrarationen Trockengemüse ihr Gewicht einigermaßen halten und der Kot war meistens geformt, wenn auch weich.
Weil der Durchfall so lang anhaltend war, zog meine Tierärztin noch eine andere Möglichkeit in Betracht: eine Schilddrüsenüberfunktion. Also wurde Blut abgenommen und eingeschickt und tatsächlich hatte sie es. Seit ca. zwei Wochen bekam sie ein Medikament dagegen.
Dienstag Morgen dann der Schock. Während ich den Neuzugang „Crux“ zur Tierärztin zur Kastration brachte, entdeckte mein Mann Ann auf der Seite liegend im Gehege. Sie konnte nicht mehr aufstehen und strampelte nur noch mit den Beinen. Als ich wieder zu Hause ankam, wartete mein Mann mit Ann auf dem Arm auf dem Sofa. Ich bin direkt wieder zur Tierärztin gefahren und wusste innerlich schon, was passieren wird, obwohl ich noch einen klitzekleinen Hoffnungsschimmer hatte.
Meine Tierärztin hatte dann bestätigt, was ich schon befürchtete: dass es besser ist, sie gehen zu lassen. Und weil ich meine Ann so geliebt habe, habe ich ihr weiteres Leiden erspart und sie gehen lassen.
Ann war mein Lieblingsschwein, obwohl wir uns nicht lange kennen durften und es war wohl eher Liebe auf den zweiten Blick. Als sie bei mir ankam, war sie in meinen Augen äußerlich ein eher gewöhnliches Schwein, ich bevorzugte zu dem Zeitpunkt eher glatthaarige Meerschweinchen oder einfarbige Rosetten. Ann mit ihrem mehrfarbigen „Durcheinander“, hatte also nicht mein Liebhaberauge getroffen.
Aber nach und nach habe ich sie wirklich kennen gelernt, äußerlich haben mich ihre Riesenohren fasziniert, die ich erst bemerkt habe, nachdem ich sie öfter mit Päppelbrei füttern musste, zum Teil auch, um ihr die Medikamente unterzumischen. Ich hatte auch immer wieder versucht, ihr die Medikamente pur zu verabreichen, nach dem ersten gescheiterten Versuch hab ich es dann meist aufgegeben und wieder die Versteckmethode im Päppelbrei fortgeführt. Aber nach kurzem entdeckte ich, dass sie sich wohl doch von der Notwendigkeit der Medikamenteneinnahme überzeugen ließ, denn beim 2. oder 3. Versuch, nahm sie die Tablette tatsächlich ohne Zwang und fraß sie auf. Faszinierend.
Außerdem war sie ein sehr zutrauliches Schwein, ließ sich (meistens) freiwillig hoch nehmen, war immer voller Neugier vorne an der Scheibe, wenn sie nicht gerade schlief, was in letzter Zeit leider recht häufig vor kam. Mit ihrer Schlafposition hat sie mir auch den ein oder anderen Adrenalinstoß verpasst, wenn ich ins Zimmer rein kam, Fütterungszeit, sie platt auf der Seite liegend, ausgestreckt, unbewegt. Keine Geräusche brachten sie zum Aufwachen, nur wenn ich sie vorsichtig angestupst habe, ist sie aufgeschreckt mit einem Blick als wenn sie mir sagen wollte „Warum weckst du mich? Ich habe doch soo gut geschlafen…“
Was ich auch so amüsant fand war Anns Eigensinnigkeit. Deutlich gemacht hat sie es einmal beim Tierarzt, als ihr Blut abgenommen wurde. Während ich sie gehalten habe tat es mir natürlich leid der armen Ann dabei zuzusehen. Aber als dann der Einstich von der Tierarzthelferin abgedrückt wurde hat sie so rumgemotzt, sodass ich dann „übernommen“ habe. Und siehe da, das arme Mäuschen hat sich in meinem Arm glucksend über die fremde Person beschwert…
Ann war wirklich ein Charakterschwein, das hat mir auch ihre Vorbesitzerin in einer E-Mail bestätigt: „…Ann war wirklich ein besonderes Schwein. Ausgesprochen clever, mutig und einfach eine Persönlichkeit. Bei meinen Mädels hat sie ja öfter mal den Chef raushängen lassen. Dann musste ich nur leise und vorwurfsvoll sagen: Ann, ich seh dich! Dann hat sie ganz frech zu mir hochgeschielt und ist glucksend davongehüpft…“
Ann wurde 5 Jahre alt und ich hoffe, dass es ihr nun gut geht, wo immer sie ist.
Ann, du fehlst mir schrecklich und ich werde dich niemals vergessen, meine kleine Flatterohrenmaus.

